Warum habe ich nichts gemerkt?

Viele Eltern stellen sich diese Frage, wenn sie erfahren, dass ein Bekannter, guter Freund oder sogar enger Verwandter ihr Kind über einen längeren Zeitraum sexuell missbraucht hat. Ihnen möchten wir sagen, dass Täter und Täterinnen alles dafür tun, dass die Eltern des Kindes oder der/des Jugendlichen ihnen nicht auf die Schliche kommen. Deshalb gehen sie in der Regel sehr strategisch vor, damit die Eltern nichts merken (können). Sie sind oftmals „Künstler der Manipulation“, die gezielt die Wahrnehmung ihrer Umwelt vernebeln. Manchmal treten gerade sie als Moralapostel oder engagierte Pädagogen und Kinderschützer auf und bewirken damit, dass ihnen eine solche Tat nicht zugetraut wird. Und wenn Mütter oder Väter doch anfangen, sich über das ungewöhnliche Engagement einer Person, die gerne Zeit mit Kindern verbringt, zu wundern und sogar die Vermutung eines sexuellen Missbrauchs entwickeln, sprechen viele Eltern ihren Verdacht nicht laut aus, aus Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen und weil sie sich nicht vorstellen können, dass dieser Mensch, den sie mehr oder weniger gut kennen, tatsächlich sexuell übergriffig ist. Je mehr die Täter in ihrem Umfeld als Person wertgeschätzt werden, desto schwerer fällt es ihren Opfern, sich Dritten anzuvertrauen. Andere Täter benutzen die Rolle des „armen Kerls“ oder „Kindskopp“ und bewirken mit dieser Masche, dass man sie nicht ernst nimmt, sie aber für sehr kinderlieb hält. Manche Eltern halten ihre Kinder dazu an, gerade zu diesen Personen nett zu sein. Täter nehmen gezielt Kontakt zu Kindern und Jugendlichen auf und erkunden deren soziale Kontakte, Vorlieben, Abneigungen, Gewohnheiten, Wünsche und Ängste. Dazu nutzen sie heutzutage auch das Internet, in dem viele Kinder und Jugendliche oftmals sehr offen über sich sprechen. Das gewonnene Wissen nutzen Täter schließlich aus, um ihre Opfer in die sexuelle Ausbeutung zu verwickeln und zu erzwingen, den Missbrauch geheim zu halten.

Viele Mädchen und Jungen entwickeln als Folge der sexuellen Ausbeutung Verhaltensauffälligkeiten. Diese sind als stumme Hilferufe zu verstehen. Eltern, die ja nicht wissen können, was wirklich der Auslöser für diese Verhaltensveränderung ist, finden in der Regel erst einmal andere, im ersten Moment vielleicht sogar einleuchtendere Erklärungen.

Es ist oftmals ein langer Weg, bis betroffene Bezugspersonen sich selbst verzeihen können, dass sie den sexuellen Missbrauch nicht früher bemerkt haben. Die Auseinandersetzung mit den Täterstrategien ist ein erster Schritt der Verarbeitung. Auf diesem sehr schmerzhaften Weg werden die Bezugspersonen unweigerlich auch mit ihren eigenen Schwächen konfrontiert, denn diese nutzen die Täter aus, um sich das Schweigen der Opfer zu sichern. Haben Eltern den Mut und die Kraft, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, so besitzen sie einen wichtigen „Schlüssel“, um mit ihren Kindern gemeinsam die Gewalterfahrungen zu verarbeiten.