Mögliche Folgen

Ein von sexueller Gewalt betroffenes Kind darf nicht reden, kann aber die Situation nicht aushalten. Deshalb versucht es, sich anders auszudrücken. Von außen sehen wir dann oft auffällige Verhaltensweisen. Diese Auffälligkeiten sind aber normale Reaktionen auf unnormale Situationen. Die bisherige Welt ist durcheinander gebracht. Die Betroffenen müssen die sexuelle Gewalt irgendwie überstehen und finden dafür individuelle Reaktionen. Wir betrachten diese Verhaltensauffälligkeiten als persönliche Überlebensstrategien der Kinder und Jugendlichen.

Die Folgen sexueller Gewalt, die sich z.B. in Änderungen im Verhalten und anderen Auffälligkeiten zeigen, sind also auch als „stumme Schreie“, Signale und Hilferufe zu verstehen, da Betroffenen die (verbale) gesprochene Sprache untersagt ist. Diese Reaktionen haben Appellcharakter. Sie drücken aus: Bitte helft mir! Auffälligkeiten, wie veränderte Verhaltensweisen, – oft auch als Symptome bezeichnet – können aufgrund verschiedener Ursachen auftreten. Hier ist es wichtig, dem Tabu insofern entgegen zu wirken, dass neben vielen anderen möglichen Ursachen auch sexuelle Gewalt als eine mögliche Ursache in Betracht gezogen wird.  

So verschieden Menschen und Umstände sind, so verschieden sind auch ihre Reaktionen auf traumatische Ereignisse, wie die Erfahrung sexueller Gewalt. Faktoren, die einen Einfluss auf das Erleben sexueller Gewalt und damit auch auf die Reaktionen haben, sind z.B. das Alter, der individuelle Entwicklungsstand und die Persönlichkeit eines Kindes, das Familiensystem, die Schwere, Häufigkeit und Dauer der sexuellen Gewalthandlungen und auch die Intensität der Beziehung zum Täter. Ganz generell können Auffälligkeiten in beide Richtungen eines Kontinuums gehen. Am Beispiel des Nähe-Distanz-Verhaltens kann dies einerseits bedeuten, dass ein betroffenes Kind sich sehr zurückzieht, ebenso kann es aber auch sein, dass ein Kind sich selbst grenzüberschreitend verhält. Es gibt jedoch keine eindeutigen Reaktionen, die ausschließlich aufgrund von erlebter sexueller Gewalt auftreten, ebenso wie es keine gibt, die das Erleben sexueller Gewalt ausschließen lassen. An Folgen können so viele verschiedene Reaktionen auftreten, wie es individuell unterschiedliche Menschen gibt.

Um verständlich zu machen, wie Folgen des Erlebens sexueller Gewalt aussehen können, möchten wir dennoch ein paar Beispiele nennen, die häufig eine Rolle spielen. Kinder sind von den Erwachsenen abhängig. So versuchen sie z.B. die Beurteilung des Täters, das Geschehen schön zu finden, zu übernehmen. Gelingt ihnen das nicht, fühlen sie sich unzulänglich. Sie denken, dass ihre Gefühle und Beurteilungen falsch sind und bekommen den Eindruck: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es entsteht eine Gefühlsverwirrung, die häufig zu von außen unverständlichem Verhalten führt. Auch können Kinder das, was ihnen angetan wird, z.T. nur überleben, indem sie es nicht mehr spüren. Sie vertrauen ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen nicht mehr, deuten sie um, bagatellisieren sie und/oder spalten ihre eigentlichen Gefühle ganz ab. Meist fühlen Kinder sich schuldig. Die Schuldgefühle werden ihnen vor allem auch vom Täter aktiv eingeredet. Besonders schlimm ist es für sie, wenn sie angenehme körperliche Empfindungen haben. Fast immer müssen betroffene Kinder unter Ängsten leiden. Einerseits haben sie Angst vor Entdeckung. Sie schämen sich für das, was ihnen angetan wird. Andererseits gibt es die Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie sich jemandem anvertrauen. Wenn sie es sich dann doch trauen, bleibt weiterhin die Angst davor, dass die Drohungen des Täters wahr werden. (Dies ist sogar häufig der Fall.) Für einige Jungen besteht häufig insbesondere die Angst, schwul zu sein oder als schwul zu gelten, was das Sprechen manchmal zusätzlich erschwert. Auffälligkeiten im Sexualverhalten, wenn Kinder Sexualität einzusetzen scheinen, ist eine der Folgen, die den Gedanken an erlebte sexuelle Gewalt recht nah erscheinen lässt. Häufig wird dieses sog. „sexualisierte Verhalten“ als Ursache missverstanden. Eher ist es jedoch eine Folge der erlebten sexuellen Gewalt.